Die Kunst des Buchbindens: Ein altes Handwerk neu entdeckt
Es gibt Hobbys, die man aufgreift, um die Zeit zu überbrücken, und solche, die einen von Anfang an in ihren Bann ziehen und nie wieder loslassen. Das Buchbinden gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Wer einmal einen selbst gefalteten Bogen Papier mit Nadel und Faden zu einem festen Block genäht, mit Kleister und Leinengewebe verstärkt und schließlich in einen handgemachten Einband gefügt hat, begreift, warum dieses Handwerk seit Jahrhunderten Menschen fasziniert – und warum es heute eine stille Renaissance erlebt.
Die Geschichte des Buchbindens reicht bis in die Spätantike zurück, als Schreiber begannen, beschriebene Pergamentblätter zusammenzuheften und mit Holzdeckeln zu schützen. Über die mittelalterlichen Skriptorien der Klöster, in denen Mönche jahrelang an einem einzigen Prachtband arbeiten konnten, bis hin zu den Zunftmeistern der frühen Neuzeit entwickelte sich das Handwerk zu einer hochspezialisierten Kunst. Mit der Industrialisierung und dem Aufkommen der maschinellen Buchproduktion schien es zunächst, als würde das handwerkliche Binden dem Vergessen anheimfallen. Doch genau das Gegenteil trat ein: Wer heute das Buchbinden erlernt, tut dies bewusst, aus einem Wunsch nach Entschleunigung, nach Materialität und nach der greifbaren Verbindung zwischen Gedanke und Gegenstand.
Für Einsteiger empfiehlt sich zunächst die sogenannte japanische Heftung, eine dekorative Technik, bei der der Faden in sichtbaren Mustern über den Buchrücken läuft und dem Objekt sofort eine ästhetische Eigenständigkeit verleiht. Fortgeschrittene wagen sich an die koptische Bindung – eine der ältesten überhaupt – oder an aufwendige Fadenheftungen nach deutschem oder französischem Vorbild, die das Buch nahezu beliebig oft auf- und zuklappen lassen, ohne dass der Block Schaden nimmt. Das Besondere an all diesen Techniken ist, dass sie im Wesentlichen nur wenige Werkzeuge erfordern: ein Falzbein, eine Ahle, feine Buchbindernadeln, Leinenfaden und natürlich geduldige Hände.
Was das Buchbinden von vielen anderen Hobbys unterscheidet, ist sein tiefes epistemisches Versprechen: Man lernt nicht nur eine Technik, sondern ein System von Entscheidungen. Welches Papier verträgt wie viel Druck? Wann muss der Kleister dünn, wann satt aufgetragen werden? Wie verhält sich Leinen beim Trocknen, und wie kompensiert man das Quellen des Papierblocks? Diese Fragen haben keine einheitlichen Antworten – sie variieren mit Material, Klima und der Eigenart der jeweiligen Papiersorten. Buchbinden ist damit weniger Rezept als Gespräch mit dem Material selbst, ein ständig wechselndes, aber stets lohnenswertes Wechselspiel.
Besonders reizvoll ist die Möglichkeit, eigene Notizbücher, Tagebücher oder Skizzenbücher herzustellen, die in Papierqualität, Format und Bindeart exakt den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Wer sich einmal an handgeschöpftem Papier versucht hat, begreift, wie weit diese kreative Kette reichen kann: vom Rohmaterial bis zum fertigen Objekt, das einen begleitet, das man benutzt und das irgendwann vielleicht weitergegeben wird. In einer Zeit, in der digitale Flüchtigkeit zum Normalzustand geworden ist, strahlt ein selbst gebundenes Buch eine eigentümliche Beständigkeit aus – es ist ein Gegenstand mit Gewicht, mit Geschichte und mit der leisen Würde des Selbstgemachten.
Das Buchbinden lässt sich alleine erlernen, doch viele schwören auf Kurse in Volkshochschulen oder kleinen Werkstätten, wo das gemeinsame Arbeiten an einem Tisch, begleitet vom Rascheln von Papier und dem Geruch von Leim, eine eigene, kaum zu beschreibende Atmosphäre erzeugt. Wer dieses Handwerk einmal kennengelernt hat, schaut Bücher mit anderen Augen an – und greift vielleicht öfter bewusst zum gedruckten Wort.
